Nicht mehr existierender Bescheidadressat
European Case Law Identifier: ECLI:AT:BFG:2022:RV.7102273.2012
Entscheidungstext
BESCHLUSS
Das Bundesfinanzgericht hat durch die Richterin***Ri*** in der Beschwerdesache ***Bf1***, ***Bf1-Adr***, vertreten durch LBG Niederösterreich GmbH, Raiffeisenpromenade 2/1/6, 3830 Waidhofen an der Thaya, über die Beschwerde vom 26.02.2012 (persönlich überreicht am 27.02.2012) gegen die Bescheide des Finanzamtes Waldviertel vom 27.01.2012 betreffend Umsatzsteuer 2005 und Feststellung von Einkünften 2005 gemäß § 188 BAO idgF, Steuernummer ***BF1StNr1***, beschlossen:
I. Gemäß § 260 Abs 1 lit a Bundesabgabenordnung wird die Beschwerde als unzulässig zurückgewiesen.
II. Gemäß Art 133 Abs 4 Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) ist die ordentliche Revision nicht zulässig.
Begründung
1. Als die im Spruch angeführten Bescheide angefochten wurden, war der Unabhängige Finanzsenat für die Rechtsmittelerledigung zuständig. Diese Zuständigkeit des Unabhängigen Finanzsenates endete am 31.12.2013. An seine Stelle trat am 01.01.2014 das Bundesfinanzgericht (BFG), das alle mit Ablauf des 31.12.2013 anhängigen Rechtsmittelverfahren - und damit auch dieses Rechtsmittelverfahren - weiterführt.
Mit Einführung der Verwaltungsgerichtsbarkeit (01.01.2014) haben sich die Bezeichnungen der Rechtsmittel geändert. Das Bundesfinanzgericht verwendet in seinen Verfahren die verwaltungsgerichtsübliche Terminologie: "Berufungen" werden als "Beschwerden" bezeichnet, "Berufungsvorentscheidungen" als "Beschwerdevorentscheidungen" und "Berufungswerberinnen" als "Beschwerdeführerinnen (Bf.)".
2. Als Ergebnis einer bei der ***KG*** durchgeführten Außenprüfung wurde u.a. festgestellt:
Die ***KG*** hätte mit Vertrag vom 18.08.2006 per 31.12.2005 rückwirkend in die ***Bf1*** eingebracht werden sollen. Die in § 13 Umgründungssteuergesetz - UmGrStG normierten Fristen seien nicht eingehalten worden, weshalb ein Veräußerungstatbestand nach § 6 Z 14 lit b EStG / § 20 Abs 1 Z 2 KStG vorliege. Der Veräußerungsgewinn per 31.12.2005 betrage EUR 136.358,78 und sei den Einkünften aus Gewerbebetrieb erhöhend hinzuzurechnen. Umsatzsteuerrechtlich liege ein Erlös aus einer Geschäftsveräußerung im Ganzen per 31.12.2005 vor.
3. Am 27.01.2012 erließ das Finanzamt die prüfungskonformen Bescheide betreffend Umsatzsteuer 2005 und Feststellung von Einkünften 2005 gemäß § 188 BAO idgF, verwies begründend auf den Außenprüfungsbericht, adressierte beide Bescheide an die ***KG*** und stellte sie am 31.01.2012 zu.
Die Bescheide waren innerhalb 1 Monats ab Zustellung mit Beschwerde anfechtbar und wurden von der ***KG*** mit der am 27.02.2012 persönlich überreichten Beschwerde vom 26.02.2012 angefochten.
4. In der Beschwerde vom 26.02.2012 beantragte die ***KG***, die Umsatzsteuer 2005 in Höhe von EUR 301.350,74 festzusetzen, die Einkünfte aus Gewerbebetrieb in Höhe von EUR 3.211,87 festzustellen und brachte begründend vor, dass die ***KG*** mit Vertrag vom 18.08.2006 in die ***Bf1*** eingebracht wurde und die Einbringung gemäß Art III Umgründungssteuergesetz - UmGrStG per 31.12.2005 rückwirkend erfolgen sollte. Die Beschwerdeausführungen zusammengefasst, verneinte die ***KG***, Meldepflichten verspätet und/oder nicht vollständig erfüllt zu haben. Sie brachte ergänzend vor, dass die ***Bf1*** das Vermögen der ***KG*** mit Generalversammlungsbeschluss vom 18.08.2006 übernahm und die Firma der ***KG*** nach dieser Vermögensübernahme gelöscht wurde.
5. Mit der Beschwerdevorentscheidung vom 25.05.2012 wurde die Beschwerde abgewiesen. Die an die ***KG*** adressierte Beschwerdevorentscheidung wurde am 31.05.2012 zugestellt und war innerhalb 1 Monats ab Zustellung mit Vorlageantrag anfechtbar. Mit dem am 29.06.2012 persönlich überreichten Fristverlängerungsantrag beantragte die ***KG***, die Rechtsmittelfrist bis 31.07.2012 zu verlängern. Die Beschwerdevorentscheidung wurde von der ***KG*** mit dem am 31.07.2012 eingebrachten Vorlageantrag vom 30.07.2012 angefochten.
6. Im Vorlageantrag vom 30.07.2012 wiederholte die ***KG*** ihr bisheriges Beschwerdevorbringen und beantragte die mündliche Verhandlung und die Senatsentscheidung.
7. Aus den Verwaltungsakten: Die Firma "***KG***" wurde am ***xx.xx.xxxx*** aus dem Firmenbuch gelöscht (siehe Firmenbuchauszug vom 07.11.2006, der dem Finanzamt laut Zeitstempel am 07.11.2006 persönlich überreicht wurde).
Das Bundesfinanzgericht hat erwogen:
A. Der Vorlageantrag vom 30.07.2012 ist frist- und formgerecht eingebracht. Deshalb gilt die Beschwerde vom 26.02.2012 als unerledigt. Da die Beschwerde auch frist- und formgerecht eingebracht ist, ist über die Beschwerde "in der Sache" zu entscheiden.
B. Sach- und Beweislage, Rechtslage, rechtliche Würdigung und Entscheidung: Der Entscheidung wird folgende aus den Verwaltungsakten sich ergebende Sachlage zugrunde gelegt: Die Beschwerde vom 26.02.2012 und den Vorlageantrag vom 30.07.2012 hat die ***KG*** eingebracht. Mit Beschwerde vom 26.02.2012 hat die ***KG*** die an die ***KG*** adressierten Bescheide betreffend Umsatzsteuer 2005 und Feststellung von Einkünften 2005 gemäß § 188 BAO idgF vom 27.01.2012 angefochten. Mit Vorlageantrag vom 30.07.2012 hat die ***KG*** die an die ***KG*** adressierte Beschwerdevorentscheidung vom 25.05.2012 angefochten. Zur entscheidungsrelevanten Sachlage gehört auch, dass die ***Bf1*** das Vermögen der ***KG*** mit Generalversammlungsbeschluss vom 18.08.2006 übernommen hat und die Firma der ***KG*** seit ***xx.xx.xxxx*** aus dem Firmenbuch gelöscht ist.
Nach § 161 Abs 1 Unternehmensgesetzbuch - UGB war die Kommanditgesellschaft "***KG***" eine unter eigener Firma geführte Gesellschaft und konnte nur unter ihrer Firma Rechte erwerben und Verbindlichkeiten eingehen. Wird daher ihre Firma am ***xx.xx.xxxx*** aus dem Firmenbuch gelöscht, kann sie nach dem ***xx.xx.xxxx*** nicht mehr rechtsgeschäftlich tätig werden.
Übernimmt eine Gesellschaft das Vermögen einer anderen Gesellschaft, gehen alle Rechte und Pflichten der übernommenen Gesellschaft auf die übernehmende Gesellschaft über. Die ***Bf1*** hat daher am 18.08.2006 mit dem Vermögen der ***KG*** auch deren abgabenrechtliche Rechte und Pflichten übernommen, weshalb abgabenrechtliche Bescheide ab dem 18.08.2006 nicht mehr an die ***KG*** adressiert werden dürfen sondern an die ***Bf1*** adressiert werden müssen.
Gemäß § 93 Abs 2 Bundesabgabenordnung - BAO idgF hat jeder Bescheid einen Spruch zu enthalten und hat in diesem (oder im Adressfeld des Bescheides) die natürliche oder juristische Person zu nennen, an die er ergeht.
Ergehen nach dem 18.08.2006 erlassene Bescheide an die ***KG***, ergehen sie an eine nicht mehr existierende Kommanditgesellschaft, deren abgabenrechtliche Rechte und Pflichten die ***Bf1*** übernommen hat, weshalb die richtige Bescheidadressatin der ab dem 18.08.2006 erlassenen Abgabenbescheide die ***Bf1*** ist.
Für die Bescheidqualität von Abgabenbescheiden ist die richtige Bezeichnung der Bescheidadressatin unverzichtbar (Ellinger/Iro/Kramer/Sutter/Urtz, BAO3, § 93, E 55); weshalb Abgabenbescheide ihre Rechtswirkungen verlieren, wenn die Bescheidadressatin unrichtig bezeichnet wird. Die unrichtig an die ***KG*** adressierten Bescheide betreffend Umsatzsteuer 2005 und Feststellung von Einkünften 2005 gemäß § 188 BAO idgF vom 27.01.2012 sind daher rechtswirkungslos.
Bescheide sind nur deshalb mit Beschwerde anfechtbar, weil sie Rechtswirkungen haben. Verlieren sie ihre Rechtswirkungen, sind sie nicht mehr anfechtbar, weshalb die gegen sie gerichteten Rechtsmittel als nicht zulässig zurückzuweisen sind. Die Beschwerde vom 26.02.2012 ist daher als nicht zulässig zurückzuweisen.
C. ad beantragte mündliche Senatsverhandlung: Dieser Beschluss musste nicht vom gesamten Senat getroffen werden, da Beschlüsse im Sinne des § 260 BAO idgF von der Berichterstatterin (dem Berichterstatter) des Senates zu erlassen sind (§ 272 Abs 4 BAO idgF). Ist ein Rechtsmittel gemäß § 260 BAO idgF zurückzuweisen, kann von einer mündlichen Verhandlung abgesehen werden (§ 274 Abs 3 BAO idgF). Deshalb musste die beantragte mündliche Verhandlung nicht durchgeführt werden.
D. Da ***Bf1*** die abgabenrechtlichen Rechte der ***KG*** wahrzunehmen hat, ist ihr dieser Beschluss zuzustellen.
E. Revision: Gemäß Art 133 Abs 1 Z 4 B-VG ist die ordentliche Revision an den Verwaltungsgerichtshof gegen Erkenntnisse oder Beschlüsse des Bundesfinanzgerichtes zulässig, wenn die Entscheidung von der Lösung einer Rechtsfrage mit grundsätzlicher Bedeutung abhängt. Eine grundsätzlich bedeutende Rechtsfrage musste das Bundesfinanzgericht nicht beantworten, da das Gesetz die Rechtsfolgen nicht zulässiger Rechtsmittel bestimmt. Die (ordentliche) Revision ist daher nicht zulässig.
Wien, am 4. April 2022
Zusatzinformationen | |
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Materie: | Steuer |
betroffene Normen: | § 93 Abs. 2 BAO, Bundesabgabenordnung, BGBl. Nr. 194/1961 |
