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3.3. Psychische Störungen und Delinquenz bei zurechnungsunfähigen Tätern (Kitzberger/Meuschke/Mittendorfer/Aschauer/Scholz)

Kitzberger/Meuschke/Mittendorfer/Aschauer/Scholz1. AuflMai 2022

3.3.1. Die dominierenden Diagnosen im Überblick

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Innerhalb der Gruppe der Untergebrachten gemäß § 21 Abs 1 StGB dominiert die Zuordnung zum Eingangsmerkmal „Geisteskrankheit“ iSd § 11 StGB. Diagnosen aus dem schizophrenen Formenkreis sind mit etwas über 70 % vertreten.1313 Stompe/Schanda, Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 2010, 30; Stangl/Neumann/Leonhardmair, JST 2015, 100; Auch im deutschen Maßregelvollzug stellt die Patientengruppe der Schizophrenen die größte dar, siehe dazu: Eusterschulte/Müller-Isberner/Müller in Praxishandbuch Maßregelvollzug, 239 ff; demnach sind die schizophrenen Rechtbrecher diejenigen im Maßnahmen- bzw Maßregelvollzug die europaweit am meisten zunehmen, wenn es um forensische Behandlungsplätze in den letzten Jahrzenten geht. Primär handelt es sich dabei um schizophrene Erkrankungen, die im Kapitel F20 des ICD-10 zusammengefasst werden, wobei der Subtyp der paranoiden Schizophrenie (ICD-10: F20.0) mit rund 50 % die mit Abstand am häufigsten vertretene Diagnose darstellt.1414 Haller/Kemmler/Kocsis/Maetzler/Prunlechner/Hinterhuber, Nervenarzt 2001, 859; Meuschke, in Briken/Müller (Hrsg) EFPPP Jahrbbuch 2019 – Empirische Forschung in der forensischen Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie (2021) 52. Die Symptome dieser Erkrankung lassen sich grundsätzlich in zwei Gruppen unterteilen: Positiv- bzw Plus- und Negativ- bzw Minussymptome. Die Benennung dieser beiden Symptomgruppen lässt sich aus deren Auswirkung auf Wahrnehmung, Denken und Fühlen der Betroffenen ableiten, wobei das Handeln maßgeblich beeinflusst werden kann. Da das menschliche Erleben, vor allem durch Halluzinationen und Wahnideen, über das Normale hinaus erweitert wird, zählen diese zur Gruppe der Positiv- bzw Plussymptomen. Hingegen stehen bei der Negativ- bzw Minussymptomatik eine verringerte Emotionalität, ein reduzierter Antrieb sowie eine eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit im Vergleich zu gesunden Personen im Vordergrund.1515 Hofer/Fleischhacker in Fleischhacker/Hinterhuber (Hrsg) Lehrbuch Psychiatrie (2012) 112. Jedoch sind auch wahnhafte (ICD-10: F22) sowie akute vorübergehende psychotische Störungen (ICD-10: F23) dieser Gruppe zuzuordnen.1616Zu den Grundlagen der Forensischen Psychiatrie siehe in diesem Buch: Kada, II.A.3. ab Rz 497. Wahnhafte Störungen sind durch die Entwicklung einzelner oder mehrerer aufeinander bezogener langandauernden Wahninhalten charakterisiert. Bei den vorübergehenden psychotischen Störungen handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Diagnosen, die sich durch einen akuten Beginn zumeist innerhalb von zwei Wochen (sog Crescendo-Entwicklung) und ein ebenso rasches Abklingen in einem Zeitraum von wenigen Monaten, in vielen Fällen bereits nach einigen

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Tagen oder Wochen, auszeichnet. Der Beginn steht häufig in Verbindung mit einer akuten Belastungssituation.1717 Hofer/Fleischhacker, 149 ff.

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