Nach diesem einleitenden Überblick soll nun eine kurze Bestandsaufnahme des aktuellen Zustandes der „Disziplin der Unternehmensbewertung“ erfolgen. Zunächst ist festzustellen, dass Unternehmen selbst keine originären Werte repräsentieren, sondern lediglich Instrumente zur zukünftigen Erschaffung von Werten. Diesem Umstand versuchen die diversen DCF-Methoden mit ihrer Konzentration auf zukünftige Cash-Flows auch Rechnung zu tragen. Durch die Verwendung simpler Ein-Zahlen-Modelle (deren historischer Ursprung auf die Zeit der Taschenrechner mit ihrer auf die Anzeige einer einzigen Zahl beschränkten Benutzeroberfläche zurückgeht) bleiben allerdings die organisatorischen und prozessualen Strukturen des Unternehmens (damit letztlich auch sein individuelles Risikoprofil) notgedrungen verborgen. Anstatt korrekterweise Risiko vermittels einer Bandbreite (Verteilungsfunktion des Unternehmenswerts) darzustellen, werden punktgenaue Unternehmenswerte errechnet (das Risiko wird „im Zinssatz dargestellt“ - ein aus statistischer Sicht vollkommen unmögliches Unterfangen!) und betriebswirtschaftlichen Laien wird dadurch fälschlich methodische Exaktheit und Präzision suggeriert. Getrieben von der Dominanz der anglo-amerikanischen Investmentbanken wird das, niemals für Zwecke der Unternehmensbewertung entwickelte, CAPM (Capital Asset Pricing Model) zur Ermittlung von Zinssätzen missbraucht, wobei einerseits die völlig realitätsfernen Modellprämissen (Homogenität der Erwartungen der Marktteilnehmer, vollständige Information der Marktteilnehmer, beliebige Teilbarkeit der Unternehmensanteile etc.) idR totgeschwiegen werden, andererseits der Umstand, dass im CAPM lediglich das systematische (Markt-)Risiko, nicht hingegen das unsystematische (Unternehmens-)Risiko berücksichtigt wird, schlichtweg ignoriert wird. Vor allem dieser letzte Umstand führt jedoch dazu, dass sowohl der Kauf größerer Aktienpakete (v. a. auch der Kauf ganzer) börsennotierter Unternehmen wie auch der Kauf von Anteilen an nicht-börsennotierten Unternehmen gestützt auf das CAPM nicht wirklich sinnvoll dargestellt werden kann, da in all diesen Fällen das unsystematische Risiko entweder nicht „wegdiversifiziert“ werden bzw. (bei nicht-börsennotierten Unternehmen) kein Beta-Faktor ermittelt werden kann1. Auch der Rückgriff auf Börsenkurse bietet in dieser Situation letztlich keinen gangbaren Ausweg. Die diese Methode favorisierende Rechtsprechung erfolgte unter dem (fälschlichen) Eindruck stabiler Aktienmärkte mit konstantem Ertragswachstum (vor dem Platzen der „Internet-Blase“) und ist hinsichtlich ihrer Argumentation aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar und daher zu verwerfen. Das dem sog. „anonymen Kapitalmarkt“ inhärente Principal-/Agent-Dilemma, welches letztlich in der mangelnden Transparenz der Kommunikation und dem Ersatz inhaltlicher Ehrlichkeit durch oberfläche Formalprüfungen wurzelt, führt schließlich auch dazu, dass Informationsasymmetrien als wirtschaftlicher Vorteil empfunden und verteidigt bzw. ausgebaut werden. Durch die in den Fachgutachten erfolgte Beschränkung auf die ausschließlich für börsennotierte Unternehmen entwickelten DCF-Methoden werden jedoch die entscheidungslogischen Probleme dieser (in der Europäischen Union wirtschaftlich recht unbedeutenden) Unternehmensart für die gesamte Wirtschaft „zwangsverordnet“!

