Abstract: Der säkulare Staat ruht auf zwei Säulen: der Religionsfreiheit, die er allen Bürgerinnen und Bürgern gewährleistet, sowie seiner eigenen religiös-weltanschaulichen Neutralität. Die Religionsfreiheit umfasst nicht nur den religiösen Glauben, sondern gleichberechtigt auch die Weltanschauungsfreiheit. Letztlich schützt sie gleichermaßen Gläubige (welcher Religion oder Konfession auch immer), Anhänger von Weltanschauungen, Atheisten und Gleichgültige. Das Gebot religiös-weltanschaulicher Neutralität lässt sich am besten als Nicht-Identifikationsprinzip umschreiben. Dazu gehört die Trennung von Staat und Kirche, die jede institutionelle Verklammerung beider ausschließt; ferner darf der Staat den Glauben oder Unglauben seiner Bürgerinnen und Bürger nicht bewerten und sich schon gar nicht mit einem bestimmten Glauben identifizieren. Die religiöse Wahrheitsfrage bleibt ausgeklammert. Weil in der Gesellschaft die religiöse (und weltanschauliche) Vielfalt steigt, dürfte das Neutralitätsgebot in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen.

