Am Ende des Ersten Weltkriegs regte sich in der Habsburgermonarchie intensiver Protest gegen den Krieg und die anhaltenden Krisen, die er verursacht hatte. Frauen und Männer, die nicht im aktiven Kriegsdienst standen, legten in mehreren großen Streikwellen 1917 und 1918 die Arbeit nieder und protestierten auf den Straßen. In Zuge der Streikbewegungen und nach den beiden Russischen Revolutionen 1917 organisierten sich Arbeiter:innen auch in Österreich als Arbeiterräte. Während aber im ehemaligen Zarenreich die bolschewistische Partei die Macht ergriff, war die Rätebewegung in Österreich bis zu ihrem Ende 1924 pluralistisch geprägt.1) Waren die sich auf mehreren Ebenen organisierenden Arbeiterräte (von den Bezirks-, Orts-, Kreisarbeiterräten bis hin zur Reichskonferenz) sozialdemokratisch dominiert, gab es auch andere linke und linksradikale Gruppierungen: die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ), im November 1918 gegründet,2) die Föderation Revolutionärer Sozialisten – Internationale (F.R.S.I.),3) die Poale Zion4) und eine Linksströmung in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), die bald in zwei Gruppen zerfiel: die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft revolutionärer Arbeiterräte (Arbeitsgemeinschaft revolutionärer Sozialdemokraten Österreichs), 1920 aus der SDAP ausgeschlossen, und die Neuen Linken, die in der SDAP verblieben.5) Das Rätemodell erschien vielen Sozialistinnen als eine Möglichkeit, eine Alternative zum bestehenden Gesellschaftssystem zu entwickeln; wie diese aussehen konnte, war freilich umstritten.6) Die Sozialdemokratin Marianne Pollak beschrieb die Attraktivität des Rätemodells folgendermaßen:

